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Schon ganz schön ungerecht, dass Fahrräder nur 1/20 von dem Platz nutzen können, den Autos bekommen, aber kommen euch die 33% bei den Fußwegen gerade auch so viel vor? Nun, das liegt daran, dass die echte Welt dann eher so aussieht, dass Straßen bzw. öffentlicher Raum instant unbrauchbar für wird, wenn er für Autos genutzt wird und alles andere, was es sonst noch so gibt, notgedrungenerweise auf dem Fußweg abgeladen wird. Müll, Bäume - und manchmal sogar noch mehr Autos. Hier mal die korrigierte, realistischere Grafik:

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Ein Beitrag geteilt von Daniel Bleninger (@bleningerdaniel)


Manchmal ist es ja schon sehr absurd, dass man eine Vielzahl an öffentlichen Plätzen tatsächlich nur nutzen kann, wenn man eine riesige Blechkiste mit vier Rädern draufstellt. In Heidelberg zum Beispiel haben sie einem Opa verboten, nicht mehr mit seinem Klappstuhl und zwei Blumenkübeln vor seiner eigenen Haustür zu sitzen, weil er da angeblich mehr störe als die ganzen Autos, die die Straße links und rechts vollkommen zustellen. Hätte er dort allerdings den ganzen Tag in einem riesigen SUV gesessen, wäre das kein Problem gewesen.
Und genau diesen Trick hat in Wien nun jemand angewandt, um die Stadt endlich mal ein wenig grüner werden zu lassen. Eigentlich eine außergewöhnlich deutsche Art des Hochbeet anlegens. Diesmal aber in Österreich.

Wie kann man sich für 10 Euro / Monat ein Hochbeet in den öffentlichen Raum stellen? Man braucht nur ein zugelassenes Cabrio drunter. Wien, du bist ein Parkplatz. #cabriobeet


Krass und auch ein bisschen seltsam, aber anscheinend hat jemand mein Gehirn gehackt und meine Gedanken zum Thema Autos in Innenstädten direkt auf diesen Verkehrs-Info-Screen in Brooklyn projiziert. Übrigens wurde die Hupe tatsächlich nicht erfunden, um damit aggressiv "Hey, mach mal schneller Arschloch, hier komm ich, der König der Straße!" zu signalisieren, sondern um vor Gefahrensituationen zu warnen. Und Autos töten langfristig betrachtet viel mehr Menschen durch Abgase und Dauerlärm, als durch tatsächliche Unfälle.
Abgesehen davon, klauen sie uns unfassbar viel Platz, stehen uneffektiv den ganzen Tag rum und geben nicht mal ansatzweise allen Menschen diese angeblich nur so mögliche individuelle Freiheit, denn viele alte, arme und behinderte Menschen sowie alle unter 18-Jährigen können selber gar keine Autos nutzen. In dem Sinne: Mehr solcher Anzeigetafeln und weniger Blechkisten, bitte.

Das nächste Land, dass das deutsche Autoland in puncto Verkehrswende offenbar überholt - und zwar mit dem Fahrrad. In Frankreich zahlt man nicht nur Kaufprämien für E-Bikes aus, auch die Hauptstadt wird scheinbar Richtung Zukunft gelenkt und in eine Fahrrad-Stadt verwandelt (nicht nur da ist uns Frankreich übrigens verkehrstechnisch einen Schritt voraus - die milliardenschweren staaatlichen Corona-Hilfen für den Luftraum waren in Frankreich damals an baldige Klimakonzepte gebunden und mit dem TGV wäre man von München nach Hamburg knapp 3 Stunden weniger unterwegs).
Und ich mag ja, dass sich inzwischen so einige Großstädte wieder zu Orten entwickeln, in denen man mehr Menschen als rumstehende Autos sieht. Ich will endlich weniger tote Blechkisten - und mehr Leben auf der Straße.

Während Fahrräder und vor allem E-Bikes gerade überall einen so fetten Boom erleben, dass man mit dem Angebot kaum noch hinterherkommt, diskutiert Deutschland schon wieder darüber, ob man die zurecht gesunkene Nachfrage für Autos mit fossilen Vebrennern nicht nochmal künstlich ankurbelt, um damit angeblich die Wirtschaft zu retten.
Das ist lustig, weil das wirtschaftlich eigentlich wenig sinn Sinn macht. Und klimawandeltechnisch sogar noch mal weniger. Immerhin sterben jährlich ca. 400.000 Menschen in der EU durch Luftverschmutzung von u.a. eben veralteten Autos, von denen wir nun wirklich nicht mehr "Neue" brauchen (was Vergangenheits-Söder sagt). Unsere Verkehrsprobleme könnte man ohnehin sehr viel einfacher lösen, z.B. in dem man Andi Scheuer endlich auf die Straße setzt. Oder mir endlich meine "Ich-habe-und-kaufe-gar-kein-Auto-Prämie" auszahlt.

Die Gemeinde nördlich von Freiburg bezahlt die Prämie wahlweise als Zuschuss für eine Jahreskarte für den Regio-Verkehrsverbund oder als Zuschuss zum Kauf eines neuen E-Bikes bei gleichzeitigem Nachweis des Bezugs von Ökostrom im Haushalt des Antragstellers.

Bisher die vernünftigste Abwrackprämie, die ich hierzulande jemals gehört habe, obwohl ich ja generell dann auch ganz gerne Geld dafür hätte, dass ich noch nie ein Auto hatte. Ich schlage daher immer noch eine allgemeine Ich Habe-Gar-Kein-Auto-Prämie vor. Erstens, weil ich dann auch etwas davon hätte (meinetwegen ja auch in Form einer Bahncard 100). Und zweitens, weil weniger unnötige Karren sowohl wichtige Ressourcen als auch Platz sparen und nicht die Luft zumüllen. In Denzlingen scheint man aber zumindest schon mal in die richtige Richtung zu fahren.

via

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Wien hat sich offenbar entschieden, eine Stadt für Menschen statt für Autos zu werden und schafft gerade massiv das, was wir alle brauchen: Platz. Und zwar u.a. für Begegnungsstätten, seperate Fahrradwege und ganz viel Natur auf so genannten CoolenStraßen. Nebenbei haben sie mal eben aus einer 7-spurigen Kreuzung ein kleines Insel-Paradies gezaubert. Ich wünschte, Deutschland würde sich daran ein Beispiel nehmen - und Andi Scheuer entlassen.

Während die halbe Welt ihre Innenstädte von Autos befreit und Italien bspw. gerade 500€-Prämien beim Kauf von Rädern oder E-Scootern ausschenkt, plant Deutschland nach Milliarden für die Lufthansa nun auch Milliarden für noch mehr fette Autos auszugeben, um die Straßen noch voller zu machen. Und das obwohl wir jetzt sowohl Platz als auch Geld für viele andere wichtige Dinge gut gebrauchen könnten. Mit 5 fucking Milliarden könnte ich mir zum Beispiel eine Milliarde Döner kaufen (ja, in Hamburg kosten "ganz okaye" Döner 5€). Oder jedem in Deutschland 60€ schenken. Oder allen Pflegekräften einen Bonus von über 2500€ geben. Oder in jede Schule 100.000€ für die Digitalisierung stecken. Ein paar angere tolle Vorschläge findet ihr auf dieser Webseite: abfkcpramie.lol - oder in dieser ausnahmsweise mal sehr schönen Bundespressekonferenz mit u.a. Luisa Neubauer und Ulrich Schneider. Update: Immerhin.

Während die halbe Welt sich aufs Fahrrad schwingt und haufenweise Autos aus ihren Städten schmeißt, um Platz für eben wichtigere Dinge zu schaffen, will Deutschland immer noch Milliarden ausgeben, um noch mehr Autos auf die von oben bis unten zugeparkte Straße bringen zu können. Dabei könnte man durch weniger Karren in der Stadt vor allem denjenigen helfen, die mit am stärksten von der ganzen Krise betroffen sind.
Und neben Restaurants, Kulturveranstaltungen & Co würde davon sicherlich auch die Risikogruppe profitieren, von denen sich vermutlich sehr viele nirgendwo reintrauen. Und gut fürs Klima wäre es on top auch noch. Drosten bspw. empfiehlt seit Wochen (ich übrigens auch ;D), alles nach draußen zu verlagern, was geht und der Platz dafür wäre ja sogar da, wenn wir nicht so ein hängengebliebenes Autoland wären.

 

In Mailand wurden aus 34 Kilometern Straßen für Fahrräder. In Bogotà hat man temporär gar an die 100 Kilometer neuer Radwege entlang der großen Hauptverkehrsstraßen eingerichtet. Brüssel wagt die "Vélorution" und Radler, aber auch Fußgänger sollen in der kompletten Innenstadt Vorfahrt auf den Straßen bekommen, während alle Autos nur noch höchstens 20 km/h fahren dürfen. Und in Frankreich gibt nicht nur Paris gerade 300 Millionen für ein neues Radverkehsnetz aus, die Regierung zahlt auch jedem 50€, der es in ein Fahrrad investieren bzw. reparieren lassen will. Apropos. Fahrräder sind gerade sowas wie das neue Klopapier und haben bei der Google-Suchanfrage sogar erstmalig König Auto überholt.
Und Deutschland so? Nun ja, in Berlin hat zumindest temprorär ein paar Pop-Up-Lanes für Fahrräder eingerichtet. Ansonsten hat der VW-Chef gesagt, dass er letztes Jahr 20 Milliarden € Rekord-Umsatz gemacht hat, aber jetzt gerne ganz viel Geld dafür hätte, damit er noch mehr Autos verkaufen kann. Und unser Verkehrsminister hat sich derweil darum gekümmert, dass Autofahrer auch weiterhin nicht so doll bestraft werden, wenn sie aus Versehen mit mehr als 70 Sachen durch die Stadt brettern und dabei Menschenleben in Gefahr bringen. Toll, Andi.
Gerade jetzt, wo eigentlich alle raus wollen. Die meisten aller Corona-Fälle haben sich nämlich wohl in Räumen infiziert und die Gefahr einer Ansteckung ist draußen scheinbar um ein zig-faches niedriger. Damit wir diesen Effekt nutzen und den Sommer gut rumkriegen, brauchen wir nun aber vollem eines in der Stadt mehr denn je: Platz zum leben. Glücklicherweise haben wir diesen Platz aber schon und müssen eigentlich nur die vielen großen Stahlklötze wegräumen, die dort durchschnittlich 23 Stunden am Tag wortwörtlich im Weg stehen: Autos. Den Platz bräuchten wir aber nicht nur für die vielen Leute, die nun statt der eventuell vollen Öffis das Rad wählen. Auch Fußgänger, Scooter-Fahrer, Skateboarder, Rollifahrer und Kinderwägen nicht ständig auf engen Bürgersteigen einzusperren, könnte das Stadtleben verbessern. Zumal auch Gaststätten und Kulturveranstaltungen jetzt mehr Platz draußen brauchen, wenn das alles irgendwie funktionieren soll.
Und nein, das wäre nicht kurzfristig gedacht, weil wir das nach der Pandemie ja alles gar nicht mehr brauchen. Im Gegenteil. In einigen Städten standen wir durch zu viele Autos bereits vorher schon kurz vor einem Verkehrskollaps. Und den gewonnen Platz können wir auch nach der Krise sicher besser nutzen. Abgesehen davon konnten Wissenschaftler dank der Lockdowns diverser Länder nun das erste mal stichfest belegen, was wir alle eigentlich schon wussten: weniger dreckige Diesel-Karren bedeuten auch deutlich weniger Dreck in der Luft (in Italien sanken die Stickoxid-Emissionen bspw. um bis zu 45%). Eine autofreiere Stadt würde also auch lebenswerter werden, weil dort allein deswegen schon weniger Menschen sterben würden. Mal abgesehen von den vielen Verkehrstoten durch Autounfälle. Eine der Haupt-Ursachen bei Unfällen mit Todesfolgen übrigens: fahren mit erhöhter Geschwindigkeit, Herr Scheuer.

 

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Ein Beitrag geteilt von Gianluca (@gianluca.giannone) am


Es wirkt jetzt noch absurder als vorher: Gefühlt mehr als die Hälfte der Stadt haben wir dem Auto überlassen und müssen uns deshalb eingesperrt auf dicht gedrängelten Mini-Pfaden aneinander vorbeiquetschen. Und während wir dabei verzweifelt versuchen, uns nicht auf die Pelle zu rücken, ist inmitten dessen unglaublich viel Platz. Allerdings nicht für Menschen, sondern für rollende Stahlklötze, die jetzt noch weniger rollen.
Platz ist allerdings genau das, was wir derzeit in der Stadt derzeit dringend brauchen, wenn wir den Sommer-Effekt zur üblichen Eindämmung von Viren nutzen wollen, was u.a. bedeutet, dass wir raus gehen sollten. Und ganz abgesehen davon, dass wir uns mit den geltenden Abstandsregeln nicht alle in 5 Parks stopfen können, brauchen wir den Platz auch, wenn wir durch Einkaufsstraßen bummeln und die Ladenbesitzer unterstützen bzw. die Wirtschaft wieder ein bisschen ankurbeln sollen (oder gar Restaurants wieder irgendwann öffnen wollen).
In Mailand hat man all das schon auf'm Zettel und plant deshalb gerade die Stadt ein bisschen neu. Mit 35km, die zu Fahrradspuren werden, breiteren Bürgersteigen, mehr 30er-Zonen und mehr Platz für das Leben auf der Straße durch bspw. Outdoor-Aktivitäten. Ich würde mir sowas in der Art auch für deutsche Städte wünschen, fürchte allerdings, dass das sowieso nix wird, solange unser Verkehsminister Andi Scheuer heißt. Tja.

"If everybody drives, there is no space for people, no space to move, no space for commercial activities. Of course, we want to reopen the economy, but we think we should do it on a different basis from before"