Eigentlich fahre ich ja, nicht nur weil es dem Klima nicht allzu sehr schadet, sondern auch weil man währenddessen prima chillen kann und es das eigentlich bessere autonome Auto ist, sehr gerne Bahn. Selbst über ständige Verspätungen, kaputte Klimaanlagen (im ICE ist es oft eh unnötig kalt) und viel zu volle Züge habe ich mittlerweile aufgehört klassisch deutsch zu meckern. Ich bin inzwischen nämlich schon froh, wenn ich überhaupt einsteigen "darf".
Ganz abgesehen davon, dass Zug fahren für mich ohnehin schon ein bisschen wie Lotto spielen ist. Die meistens zwei(!) vorhandenen Rolli-Plätze im ICE könnten ausgebucht sein. Die Tür des einzigen Waggons, in dem es diese zwei Plätze gibt, könnte nicht aufgehen. Der Fahrstuhl zum Gleis könnte kaputt sein. Der Hublift könnte nicht gehen (oder keiner einen Schlüssel dafür haben lel). Oder es könnte nicht genügend Personal für dich da sein, wenn du es mal wieder wagst, an Feiertagen wie Weihnachten nach hause fahren zu wollen.
Und die letzten Male hatte auch ich das sehr nach Deutschland klingende Vergnügen mit: Das Personal lässt dich eventuell nicht einsteigen, weil das Behindertenklo kaputt ist und eine Toilette selbst für eine 1-stündige Fahrt offiziell vorgeschrieben ist. So als ob ich 3 Jahre alt bin und das noch nicht selber entscheiden könne. Durch einen von mir inzwischen regelmäßig angewendeten Trick ließ man ich am Ende aber doch einsteigen: ich sage der Bahn jetzt immer gleich nach dem Hallo, dass ich einen Katheter habe, den ich nicht habe. Denn dann darf ich - wie alle anderen nicht-behinderten Menschen - auch sicher mit (wenn der Zug nicht gerade wieder wegen plötzlichen Wintereinbruchs mitten im Winter ausfällt).
Was übrigens auch deswegen wichtig ist, weil ich mir ein Auto weder leisten kann noch möchte, der Flixbus/Flixtrain sogar komplett auf Barrierefreiheit scheißt und Andi Scheuer aus mir unerklärlichen Gründen sich leider immer noch unser Verkehrsminister nennen darf.


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Den ersten kleinen Gig vom sitzenden Stand-Up-Comedian Carl Josef gab's vor knapp 'nem Monat. Nun hat es der 14-jährige Rollifahrer mit seinem Programm auch zu NightWash geschafft, trendet mit seinem ersten Fernsehauftritt aktuell auf YouTube und hat bereits nach einem Tag die 1-Million-Klicks-Marke durchbrochen.
Und auch wenn ich die meisten Punchlines schon von mir kenne, freue ich mich gerade sehr für ihn - und darüber, dass ein Mensch mit Behinderung einen Hype abbekommt, nachdem endlich mal nicht schon wieder alle rumheulen. Sit-Down-Comedy is maybe the next big thing. ;o)

"Mich kann nichts aufhalten - außer Bordsteine."
- Carl Josef


Als Stand-Upper im Rollstuhl hat man ja den Vorteil, dass allein die eigene Berufsbezeichnung schon eine Pointe für sich ist. Bisher kannte ich aber trotzdem keinen (wie leider auch in fast allen anderen kreativen Bereichen in der Öffentlichkeit). Bisher. Denn der junge Carl Josef hat nun seinen ersten (Gast)Auftritt als Stand-Up-Comedian im Mad Monkey Room in Berlin hingelegt. Und ich bin mir relativ sicher, dass es nicht sein letzter war.
Als Rollifahrer habe ich zwar alle Sprüche von ihm schon mindestens einmal irgendwo selber gebracht, habe deswegen aber umso mehr Respekt davor, dass er mein gesamtes und innerhalb von 32 Jahren aufgebautes Gag-Repertoire bereits mit 14 souverän und sympathisch auf einer Bühne raushaut. Das würde ich mich jetzt noch nicht mal trauen (oder zumindest nicht nüchtern). Maybe der neue Sit-Up-Comedy-Star der Zukunft.

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Bisher kannte ich DNA-Modifikationen ja hauptsächlich aus Jurassic Park, in dem die Sache mit den im Genlabor gezüchteten Dinos am Ende dann doch nur so semi-gut ausging, wie wir alle wissen (life finds a way). Nun. Gestern habe ich dank eines kleinen Ausflugs nach Berlin (mit ganz besonderen Drogen) und Jahrzehnte langer Forschung mit CRISPR-Gentechnology meine erste Injektion mit synthetischer DNA ins Zentrale Nervensystem meines Rückenmarks gespritzt bekommen, um meine Stammzellen zu modifizieren. Wie in so 'nem fuckin' Sci-Fi-Film. Nur, dass ich nicht aus der Zukunft komme, denn: That's Wissenschaft im Jahr 2019.
Der fortschreitende Verlauf meiner Erbkrankheit (SMA) ist damit nach nun 32 Jahren angeblich gestoppt (thanks, Science) und nach der 4. Ladung mit DNA-Upgrades aka Spinraza soll ich eventuell auch wieder kleinere Dinge können, die ich nicht mehr kann. Mal gucken. Gerade geht's mir auf jeden Fall ganz gut, bin aber ein bisschen platt vom 3 Tage im Krankenhaus rumgammeln (immerhin gab's kostenloses WLAN) und hier im Blog geht's dann wohl morgen wieder mit dem üblichen Krimskrams weiter. Bis dahin verabschiede ich mich für heute erstmal mit den Worten eines gif'd Jesse Pinkman:


Open Bionics produziert für behinderte Kids bionische Roboter-Arme im Look von Iron Man, Star Wars und dank der Live-Action-Verfilmung des Cyberpunk-Animes nun auch à la Battle Angel Alita. Die 13-jährige Tilley Lockey bekam von der Bionik-Firma aus UK (& 20th Fox, James Cameron und Regisseur Robert Rodriguez) die erste Version geschenkt und stahl damit bei der Premiere des Films allen die Show.
Und ich glaube, die Zukunft samt technologischen Fortschritt und Robotern ist vielleicht gar nicht der Untergang der Menschheit, sondern eventuell auch einfach ziemlich cool. Mit Roboter-Armen für Kids statt Roboter-Armeen für Erwachsene. Inklusive Cyborg-High-Fives, Techno-Fist-Bumps und Superpowers. 👊🤖

Meet the Hero Arm, the world's first clinically approved 3D-printed bionic arm, with multi-grip functionality and empowering aesthetics. Engineered by our awesome team in Bristol, UK, the Hero Arm is a lightweight and affordable myoelectric prosthesis, available now for below elbow amputee adults and children aged eight and above. Grab, pinch, high-five, fist bump, thumbs-up. Welcome to the future, where disabilities are superpowers.

For Tilly is, in many ways, the real-life Alita: a bionic young woman, with astonishing state-of-the-art robotic arms that look exactly like those of her fantasy counterpart.

The schoolgirl, who lost her hands and forearms to meningitis as a baby, is one of a small but growing group to sport HeroArms – technically advanced prosthetics with hands and wrists that move and grip like the real thing.

Astonishingly, the user simply has to think about a desired movement and the HeroArm’s fingers spring into life.

...weiterlesen "Bionic Kids: Roboter-Arme für Kinder im Cyberpunk-Anime- und Sci-Fi-Movie-Style"


Behinderte Ausländer. Ein Trailer für einen kurzen Langfilm (oder langen Kurzfilm mit 45min), in dem es um eben körperlich behinderte Migranten geht, die somit gleich zu zwei sogenannten Randgruppen gehören, die nicht selten diskriminiert werden. Der Film ist allerdings schon 5 Jahre alt und in den unendlichen Weiten des Internetz konnte ich ihn bisher leider nicht finden. Hätte aber großes Interesse.
Regisseur Alireza Golafshan bringt allerdings gerade einen Kinofilm namens Goldfische heraus, in dem es um eine WG mit durchweg behinderten Mitbewohnern geht, der sich zumindest zu 50% um die gleiche Thematik dreht und schauspielerisch auf jeden Fall top besetzt ist (u.a. Tom Schilling, Jan Henrik Stahlberg & Kida Khodr Ramadan).

Emre und Laura haben ein Projekt. Eigentlich kennen sie sich nur von der Bushaltestelle. Emre ist ein junger, türkischstämmiger Rollstuhlfahrer. Genau das, was Laura gesucht hat. Sie möchte ihre Masterarbeit in Soziologie über ihn schreiben. Emre hingegen will die hübsche Studentin vor allem wieder treffen. Also willigt er ein. Von nun an treffen sich die beiden regelmäßig. Das Uni-Projekt ist manchmal schwer von einem Flirt zu unterscheiden und Lauras „wissenschaftlichen“ Fragen tragen dazu bei: „Hattest du mal eine Beziehung?“ – „Ich bin Jungfrau. Aber ich kann schon, ne?“

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Genmanipulation hat für viele ja immer einen ethisch schlechten Ruf, weil es immer heißt, dass wir Menschen nicht Gott spielen sollen. Mir ist Gott allerdings scheiß egal, denn auch ich habe - was vermutlich die wenigsten, die hier mitlesen wissen werden - eine bisher unheilbare Erbkrankheit namens SMA (Spinale Muskelathrophie). Bisher. Denn die selbe Krankheit, bei der meiner Mutter vor 30 Jahren gesagt wurde, dass ich keine 18 werde (tja, mittlerweile bin ich 32, ihr Fucker), ist 30 Jahre später fast vollständig durch gezielte Spritzen zur Modifikation von Stammzellen heilbar geworden. Zumindest in einigen Fällen.
Es gibt allerdings einen Haken: denn ich hätte diese Spritze vor 30 Jahren bekommen müssen, damit sie ihre volle Wirkung erzielt. Da es Zeitmaschinen aber selbst im Jahr 2019 noch nicht gibt, wird das wohl eher schwierig. Mit ein bisschen Glück führt die ganze Prozedur aber auch bei mir zumindest dazu, dass es nicht beschissener oder sogar minimal besser wird, was für mich dann unter Umständen bedeuten kann, dass ich 5, 10 oder 20 Jahre länger leben darf. Wie gesagt, mit Glück. Aber man nimmt ja, was man so kriegt, ne?
Nun. Vielleicht könnt ihr euch jetzt ja in etwa vorstellen, warum ich Gentechnik erstmal ziemlich geil finde - und zu was die Menschheit dann alles erst in den nächsten 30 Jahren fähig sein könnte. Falls nicht, alles Weitere erfahrt ihr im Video der Erklärbären von kurzgesagt.

Das ist übrigens der selbe Fernsehturm, auf den Rollstuhlfahrer trotz eines Fahrstuhls nicht dürfen. Wegen "typisch deutschen Brandschutzbestimmungen", hat man mir damals gesagt und steht auch so ähnlich im Netz (damit sich auch ja keiner hinauf schleicht, der nicht richtig laufen kann, ist sicherheitshalber sogar noch eine Treppe vor dem eigentlichen Lift).
Ein wahrlich tolles Symbolbild für Inklusion. Denn im Endeffekt ist das alles doch ziemlich bezeichnend für den aktuellen Stand dieser Thematik: Die Bundesregierung feiert den internationalen Tag der Menschen mit Behinderung - und die "Party-Location" ist nicht barrierefrei.

Der Berliner Fernsehturm wurde Anfang der 1960er Jahre geplant und 1969 eröffnet. In dieser Zeit war man Menschen mit Behinderung gegenüber noch nicht so aufgeschlossen wie heute. Das Wort „Barrierefreiheit“ kam im Sprachgebrauch praktisch nicht vor und die erforderliche Rücksichtnahme auf die Belange von Menschen mit Behinderung war im alltäglichen Leben nicht im Bewusstsein der Gesellschaft.


Kills on Wheels (deutscher Titel: Rolli Blues). Eine schwarzhumorige Komödie aus Ungarn über drei angehende anfahrende Gangsta im Rollstuhl, die im Budapester Untergrund ans Mafia-Milieu geraten. Ein Film mit jeder Menge Kugeln im Kopf, gut riechenden Comics und Mord durch Behinderungen.

Der 20-jährige Zolika ist auf seinen Rollstuhl angewiesen. Sein bester Freund Barba Papa ist ebenfalls körperlich beeinträchtigt. Als die beiden den Auftragskiller Rupaszov kennenlernen, der auch im Rollstuhl sitzt, geraten sie immer tiefer in die surrealistische und brutale Welt des ungarischen Gangsters.

"Du machst auf Killer von morgen
- doch ich hab dich flowen hören und bin deshalb behindert geworden, Alter."

Ein im Rolli sitzender Rapper mit dem passenden Namen Rolling G war vor 2 Wochen beim neuen Rap Am Mittwoch (aka TopTier Takeover) zu Gast und hat dort mit ein paar gepflegt selbstverarschenden Punchlines seine Battle-Gegner restlos zerstört. Als "Waffe" nutzte er dafür einfach seine eigene Behinderung. Tja. So easy geht die Inklusion ins Rap-Game, Digga. Hip-Hop ist für alle da: One Love.

"Auf die Bühne steppen? Ich hab keine Zeit dafür -
Bruder guck dir dein Gesicht an - wegen dir wurde mein Behindertenausweis überhaupt erst eingeführt."

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Auf dem SOS-Hof Bockum leben und arbeiten 64 Menschen mit geistiger Behinderung. Vier von ihnen spielen in einer Band. Und ich habe gerade einen Ohrwurm von ihrem ersten Musikvideo, das vermutlich das schönste Musikvideo ist, dass das kleine Dörfchen in der Lüneburger Heide je hervorgebracht hat. Bitte mehr Klicks für die vielleicht beste behinderte Band der Welt, liebes Internet. Danke.

Die Bockum Band ist seit 2013 fester Bestandteil der SOS-Dorfgemeinschaft Hof Bockum. Die Dorfgemeinschaft beherbergt Wohngruppen, Hausgemeinschaften, ambulante Betreuungen sowie Werkstätten für behinderte Menschen.
Carlo, Daniel, Frank, Kathy und Marcel leben nicht nur alle in der SOS-Dorfgemeinschaft Hof Bockum, sie vereint auch eine große Leidenschaft: die Musik! Eine eigene Band - das war ihr großer Traum. Und mit dem Musikvideo „Anna“ verwirklichen sie auch gleich ihren nächsten Traum – den vom eigenen Musikvideo.

Klar. Beim aktuellen Pflege(not)stand in Deutschland und den immer noch herrschenden sozialen Diskriminierungen von Behinderten fällt der AfD beim Thema Menschen mit Behinderung natürlich nur eins ein: Alle auflisten und unterschwellig die Frage stellen, ob das nicht alles Inzucht-Opfer aus dem Ausland sind.
Anscheinend bekommen die inzwischen keine 2 Sätze mehr raus, ohne sie in den Kontext mit Migration zu bringen. Tja. Ich erlaube mir da jedenfalls mal eine Gegenfrage: Wie viele Menschen mit einer Lern- oder geistigen Behinderung sind eigentlich in der AfD? Ich würde ja schätzen, da liegt die Quote weitaus höher als 2%.