Checkt mal eure Privilegien

Nicht überall reinkommen, Einschränkungen im Alltag und generell nicht immer alle Optionen haben. Für mich und viele andere Menschen mit Behinderung oft leider gar nicht so neu, was aktuell für sehr viel mehr Menschen gilt (oder galten). Im Gegenteil. Es ist Alltag. Inklusive der Einschränkung von Grundrechten, von denen sich Menschen mit Behinderung einige auch erst mal erkämpfen mussten und immer noch müssen (ich durfte bspw. erfolgreich meine Stadt verklagen, damit ich überhaupt entscheiden kann, wo ich wohne, um nicht mit damals 23 in einem Altersheim zu landen).
Als seit Jahrzehnten lebender E-Rollifahrer kann ich über vieles von diesem ganzen "Mimimi, Maske tragen nimmt mir meine Freiheit!" und "Mimimi, ich kann dieses Jahr nicht überall hinfliegen!" jedenfalls nur lachen, wenn es nicht gleichzeitig so jämmerlich wäre. Und versteht mich bitte nicht falsch. Klar, ist das eine heftige und Furcht einflößende Zeit, in der wir uns gerade befinden und vermutlich noch eine Weile befinden werden. Steigende Todeszahlen, Existenzängste, Einsamkeit, die Gefahr der vermehrten häuslichen Gewalt und reinkickende Depressionen sind drastische Probleme (finanziell bin ich sogar selbst teilweise betroffen). Und natürlich müssen wir uns jetzt um diejenigen kümmern, die am härtesten von der Krise - egal, in welcher Form - betroffen sind. Punkt. Und dass Menschen ihre Stimme erheben, die sich ungerecht behandelt oder bezahlt fühlen, während Milliarden schwere Hilfen für den gar nicht mal so armen VW-Chef im Gespräch sind und nur reiche Männer Fußball spielen dürfen, kann ich durchaus nachvollziehen. Die sehe ich aber auf den Bildern der Demos so gut wie gar nicht. Oder sie werden von stumpfen Schreien niedergebrüllt.
Nicht nachvollziehen kann ich jedenfalls, wenn Leute gerade hauptsächlich nur deswegen rumplärren, weil sie ein Stündchen pro Tag Stoff vorm Gesicht tragen, ein bisschen Abstand halten und mal mehr zuhause bleiben sollen. Und das sogar mit guter Begründung: nämlich, damit Sie und andere gesund bleiben bzw. nicht sterben müssen. Aber selbst mit diesem - eigentlich ja sehr verständlichen Ziel - wehren sich einige hart dagegen. "Das Volk" sind sie dennoch wieder mal mitnichten. Laut Umfragen sind knapp 80% zufrieden mit dem aktuellen Krisen-Managment der Bundesregierung (knapp 1/4 findet die Maßnahmen gar ZU locker). Laut Medienwahrnehmung sind aber scheinbar 110% kurz davor, mit brennenden Mistgabeln in Merkels Wohnzimmer reinzumarschieren.
Und das alles nur wegen eines absurd zusammengewürfelten Haufens, der ach so skandalöse Parolen auskotzt und sich in Märchenwelten von Schwurbelköpfen flüchtet, um sich der Eigenverantwortung gegenüber der Gesellschaft zu entziehen und mal wieder bloß nix am eigenen Verhalten ändern zu müssen. Denn das wäre ja eine menschenunwürdige Zumutung und überhaupt total gegen das Grundgesetz, wenn man Rücksicht auf die Gesundheit anderer Menschen nimmt. Spoiler: auch Menschen aus der Risikogruppen haben Grundrechte und möchten gerne leben. Und umso mehr sich wie rücksichtslose Arschlöcher verhalten, desto mehr Freiheiten verlieren vor allem diesen Menschen.
Überhaupt könnte man sich über inzwischen ja sehr gelockerten Maßnahmen auch mal freuen, weil es - zumindest aktuell - weniger gefährlich ist und wir offensichtlich vielen Menschen das Leben gerettet haben, wenn man mal über den Alman-Tellerrand hinaus in andere Länder schaut. Und die hatten teilweise einen richtigen - und keinen von Anfang etwas lockeren Shutdown. In Italien und Spanien zum Beispiel durften viele über Wochen gar nicht raus - "völlig übertrieben" habe ich dort aber niemanden rumbrüllen hören. Die waren allerdings vermutlich auch einfach froh, dass die Leichen aufgehört haben sich zu staplen. Überhaupt: Checkt mal eure Privilegien, alter. Denn mal abgesehen davon, dass es Menschen gibt, die noch nicht einmal ein zuhause haben (#LeaveNoOneBehind), in das wir alle nun vermehrt gebeten wurden - es gab auch hierzulande schon vor Corona Menschen, die eine Maske tragen mussten, die nicht jedes Jahr ein oder drölf mal um die Welt jetten oder sich nur selten Kulturangebote leisten konnten, um sich besser die Zeit zu vertreiben.
Oder ich. Wie oft konnte ich schon nicht auf soziale Events, die WG-Party oder die Geburtstagsfeier, weil die Location oder die Wohnung nicht barrierefrei war. Wie oft konnte ich schon nicht in den Urlaub fliegen, weil die einzigen wirklich behindertengerechten Hotels einfach verdammt teuer sind und die ganze Planung viel komplizierter ist. Wie oft konnte ich schon nicht einfach in die Bahn steigen, sondern musste das jedes mal vorher anmelden und kam dann trotzdem nicht rein, weil der Hublift oder der Fahrstuhl wieder mal kaputt war.
Wie oft konnte ich schon nicht einfach in die nächste Bar oder den Club, weil es dort keinen Eingang für mich gab oder der Türsteher mir sagte, dass ich zu viel Platz wegnehmen würde. Wie oft konnte ich schon nicht ins Kino, weil ich, wenn ich denn in 3 der 10 Säle reinkomme, mir keinen Platz aussuchen darf und meistens nur ganz oben oder ganz unten sitzen darf. Und wie oft konnte ich schon nicht in eine gar nicht mal so unwichtige Arztpraxis, weil davor eine Treppe war.
Ich kann es alles nicht mehr zählen. Ich kann aber sehr wohl sagen, dass es mir trotzdem sehr gut geht, ich mich vergleichsweise ziemlich glücklich schätze und immer wieder froh bin, dass ich mit entsprechender Hilfe ein relativ normales Leben führen kann (was auch immer dieses "normal" ist). Und ich bin schon übertrieben gut integriert, andere sind da körperlich (oder finanziell) noch viel beeinträchtiger als ich und die haben es u.a. auch dadurch in ihrem Social-Life noch schwieriger.
"Na dann haben die Behindis es ja jetzt leichter, wenn die das alles schon gewohnt sind", höre ich jemanden murmeln. Nicht wirklich. Gar nicht mal so wenige Menschen mit Behinderung gehören nämlich auch zur Risikogruppe. Und von denen haben notgedrungenerweise sogar sehr viele immer Menschen um sich herum, die ihnen eigentlich helfen sollen - in der jetzigen Situation aber leider auch ein erhöhtes Risiko sind (same here). Aber klar, protestiert ihr ruhig mal weiter gegen Maßnahmen, die weniger Tote bedeuten, weil ihr euer Recht bewahren wollt, ausschließlich an euch selbst zu denken. Ich demonstriere dagegen, indem ich weiterhin zuhause bleibe.

Überhaupt Demonstrationen – wir sollten uns mal über Demonstrationen und Machtgefälle unterhalten. Mir ist es schon immer tierisch auf den Sack gegangen, wenn Bauern mit ihren Traktoren Straßen blockieren und für Aufruhr sorgen. Nein, der lautere hat nicht immer Recht. Habt ihr euch mal überlegt, wie schwierig es ist, behinderte Menschen, die vielleicht sogar noch in einer Einrichtung leben, überhaupt nur an einen Demonstrationsort zu bringen? Die Anliegen, um die es dort geht, sind aber mindestens genauso wichtig wie die der Bauern. Und jetzt in diesen Zeiten zeigt sich diese Unverhältnismäßigkeit wie in einem Brennglas: die unvernünftigen, rabiaten, lauten gehen auf die Straße, machen Rabatz, halten sich an nichts und fühlen sich groß und stark dabei – und sehen sich auch noch als schlauer, denn alle anderen schlafen ja noch und sind Schafe. Und die vernünftigen oder ängstlichen oder irgendwie gehinderten bleiben zu Hause und werden nicht gehört und nicht gesehen. Ein für mich leider nur zu bekanntes Phänomen. Aber was machen wir daraus? Und wer sind hier die Schafe? Diejenigen, die auf die Wissenschaft hören und Vernunft walten lassen, oder diejenigen, die selbst erlangten Anführern hinterher blubbern. Wer macht hier mäh?"
- Christian Bayerlein

Apropos behinderte Demos. Hier mal eine dieser Sorgen der lauten Bürger, die wir jetzt angeblich wieder ernst nehmen sollen:

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